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Foto:Alpin Club Sachsen
Anhalt |
29.
Tag: Montag, 14. Mai 2001
Erfrorene Hoffnungen
Nachdem
Ingo sich für den Abstieg ins Basislager entschieden
hatte, standen Gunter und Mario in Lager 2 ( ca. 7000m )
vor einer schweren Entscheidung. Die Wettervorhersage ist
für den nächsten Tag gerade noch als gut einzustufen,
danach soll ein großer Schlechtwetterblock folgen.
Doch eigentlich fehlt zwischen dem Gipfeltag und dem Lager
Zwei, ein Tag zum Aufstieg auf Lager 3 in ca. 7450m. Die
einzige Alternative um das vorhersagte Wetterloch zu nutzen
ist der direkte Aufstieg von Lager 2 zum Gipfel. Das heißt
aber auch, statt der zu erwartenden neun bis zwölf
Stunden Aufstieg von Lager 3 zum Gipfel, müssen nun
vierzehn bis sechzehn Stunden eingerechnet werden. Nach
eingehender Diskussion untereinander und nach Rücksprache
mit den Anderen im Lager 2 anwesenden Bergsteigern, entscheiden
sie sich für den direkten Aufstieg. Lediglich die Mitglieder
der großen amerikanischen, kommerziellen Expedition
befinden sich z. Z. im Lager 3. Sie haben derzeit die größten
Gipfelchancen, zumal ihr starkes Sherpateam ihnen der Weg
spuren wird und sie per künstlicher Sauerstoffhilfe
folgen werden. Alle anderen am Berg agierenden Bergsteiger
haben sich bewusst gegen die Hilfe von Sauerstoff entschieden.
Die Zeit vom Nachmittag bis gegen 23 Uhr im Lager 2 vergeht
wie im Fluge mit Schneeschmelzen und dem Vorbereiten der
Getränke. In gut 7000m Höhe sollte dem Körper
über den Tag hinweg fünf bis sieben Liter Flüssigkeit
zugeführt werden. Da in der Höhe selten ein Biergarten
zu finden ist, heißt es schneeschmelzen, schneeschmelzen
und nochmals schneeschmelzen. An Ruhe ist nicht zu denken
und das rumoren aus den anderen Zelten zeigt, das es den
anderen Bergsteigern ebenso geht. Gegen Mitternacht holen
die Sherpas der anderen Expeditionen ihre Teilnehmer aus
den Zelten und der Aufstieg in die eisige Höhe beginnt.
Auch Mario und Gunter kriechen aus dem schützenden
Zelt und beginnen bei mehr als ˆ15 Grad Celsius mit ihrem
Aufstieg. Nach reichlich zwei Stunden spürt Gunter
trotz zwei Paar Socken und den doppelt isolierten Kunststoffbergstiefeln
seine Zehen an beiden Füßen nicht mehr. Da er
die Erfierungen der Schweizer mit eigenen Augen gesehen
hat, welche sich beim direkten Gipfelanstieg von Lager 2
zugezogen haben, entscheidet er sich für die Umkehr
ins Lager 2. Da Mario Gunter nicht allein absteigen lassen
will, entschließt er sich schweren Herzens mit abzusteigen.
Auch in der Gewissheit, das es ihm seinen Traum von der
Besteigung eines Achttausenders kosten wird. Schon 1995
musste er seinen Versuch der Besteigung des Manaslu abbrechen,
um mich aus 6800m Höhe zu bergen, da mich damals eine
akute Lungenentzündung heimsuchte. Dies ist unter anderem
eines der möglichen Probleme, wenn ein Team sich entscheidet,
komplett ohne fremde Hilfe, z.B. seitens der Sherpas, auszukommen.
Im Falle der Hilfe durch Hochträger bzw. Sherpas wäre
einer mit Gunter umgedreht und ein weiterer Sherpa weiter
mit Mario aufgestiegen. Aber gerade zur Ethik im kommerziellen
und nichtkommerziellen Bereich im Expeditionsbergsteigen,
gibt es so viele Wahrheiten wie Aufstiegsmöglichkeiten
auf einen Berg. Nach unseren heutigen Informationen schafften
es nur die sauerstoffdutzenden Amerikaner und je drei Bergsteiger
eines deutschen und eines neuseeländisch internationalen
Teams unter der 1/1 Hilfe von Sherpas bis zum Gipfel. Die
Zahl der abgeschlagenen anderen Bergsteiger beträgt
etwa vier zu eins. Nach der Rückkehr ins Lager 2 ruhten
Mario und Gunter bis zum Hellwerden und begannen dann den
langen Abstieg ins Basislager. Im oberen Drittel des nunmehr
völlig verschneiten Killerhanges stürzte Gunter
unter der großen Last des voll beladenen Rucksackes
und verdrehte sich den rechten Fuß. Mario rief über
Funk sofort im Basislager um Hilfe. Da sich unser restliches
Team gerade für den letzten aufstieg ins Lager 1 vorbereitete
und Max und Conrad sich schon oben im Lager 1 befanden,
ließ ich mir von unserem Arzt Tilo eine Binde ums
Knie legen und ging Gunter entgegen. Er hatte mittlerweile
den gesamten Killerhang schon hinter sich gebracht, was
mich ehrlicherweise ziemlich freute, als ich ihn traf und
ihm seinen Rucksack abnehmen konnte. Auf den nächsten
vier Stunden bis ins Basislager humpelten wir Seite an Seite
und sprachen über Klettern im sonnigen Thailand und
die abendlichen Bratkartoffeln. Das nunmehr einsetzende
Schneetreiben störte uns ob der angenehmen Aussichten
dann nur noch peripher.
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