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Expeditionsbericht

Expeditionsbericht
1. Sachsen-Anhaltinischen Cho Oyu Expedition 2001

Veranstalter:
Alpinclub Sachsen-Anhalt e.V.

Expeditionsleiter:
Holger Kloß (Magdeburg)

Teilnehmer:
13 Bergsteiger (2 Frauen), darunter der Expeditionsarzt
1 Journalist
3 Mann Basislagercrew

Berg und Route:
Cho Oyu (8201 m) auf dem als Tichyroute bezeichneten Normalweg, Nordwestseite, ohne zusätzliche Träger und ohne Verwendung von zusätzlichem Sauerstoff

Zeitraum:
16. April bis 25. Mai 2001

Basislager am Berg:
22. April bis 20. Mai 2001

Gipfelerfolg:
2 Bergsteiger am 18. Mai 2001

weitere wichtige Ergebnisse:
Jüngster Deutscher (18 Jahre) auf einem
8000er
1 Bergsteiger schaffte einen Flug mit einem Gleitschirm aus ca. 6.800 Metern über 7 Kilometer bis zum Gletscher unterhalb unseres Basislagers

Die Bilanz unserer Expedition

Die Quote erfolgreicher Expeditionen am Cho Oyu – immer wieder als einer der „leichteren Achttausender“ bezeichnet – ist mit etwa 50 % niedriger, als gemeinhin angenommen wird. Das muß gute Gründe haben.
Unserer Ansicht nach resultiert die immer wieder gehörte Einstufung des Berges und die große Anzahl von Expeditionen vorrangig aus der relativ einfachen Erreichbarkeit des Basislagers für die Normalroute auf der tibetischen Nordseite. Vom letzten mit einem Fahrzeug erreichbaren Ort (Fahrerbasislager) sind es nur etwa zwölf Kilometer Strecke und knapp eintausend Höhenmeter. Der Berg selbst ist schwieriger, vor allem ist er kein „Gehberg“, wie es immermal wieder bezeichnet wird. Alle unsere Bergsteiger, die bis mindestens zum Lager 2 (ca. 7.000 Meter) kamen und sämtlichst über jahrelange Bergsteiger- und Freiklettererfahrung verfügen, beurteilten den Aufstieg und die Herausforderung an den beiden Eisstufen als äußerst anstrengend und technisch anspruchsvoll.

Unter Bergsteigern gilt eine Expedition als erfolgreich, wenn bereits ein einziger Bergsteiger den Gipfel erreicht. Also – wir waren erfolgreich. Am 18. Mai gegen 13.30 Uhr erreichten Uwe Lindenau und Eberhard Mach nach achtstündigem Aufstieg vom Lager 3 die Gipfelpyramide. Zwei Stunden später waren sie wieder zurück in Camp 3.
Bemerkenswert an diesem Aufstieg ist, daß mit „Ebi“ Mach ein 18-Jähriger die Expeditionsfahne zum Gipfel trug und damit der jüngste Deutsche ist, der bisher auf einem Achttausender stand.

Dem letzten Gipfelversuch unserer Expedition war eine dramatische Bergrettungsaktion vorausgegangen, die unseren Expeditionsarzt Tilo Marschke mit hoher Sicherheit um seinen Gipfelerfolg gebracht hat. Ein Mitglied der kommerziellen deutschen Amical-Expedition hatte (nach Angaben der Expedition entgegen der Weisungen ihres Expeditionsleiters) einen Absprung mit einem Gleitschirm vom Plateau des Lagers 2 aus 7.000 Metern versucht und stürzte kurz nach dem Start in eine Spalte des Gletscherbruchs. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich alle anderen Teilnehmer der Amical-Expedition bereits wieder im Basislager. Die Hilfsbereitschaft der noch verbliebenen Expeditionen war über alle Maßen groß: drei Mitglieder unserer Gipfelgruppe, darunter unser Expeditionsarzt, übernahmen zusammen mit drei weiteren Bergsteigern einer anderen Expedition eine internationale Rettungsaktion für den aus eigener Kraft nicht mehr bewegungsfähigen Flieger, die Koreaner stellten per Funk ihren im Lager 2 vorhandenen Notsauerstoff zur Verfügung. Die Stelle im Gletscherbruch wurde erreicht und der Mann konnte geborgen werden. Für die Behandlung seine Verletzungen im Gesicht und zur Stabilisierung des Kreislaufs war die Anwesenheit eines Arztes ein großer Glücksfall. Dem Bergsteiger sind dadurch zumindestens schwere Erfrierungen erspart geblieben.
Allein, die Aktion in einer Höhe von 7.000 Metern hatte viel Kraft gekostet und einer der wenigen Gutwettertage konnte nicht für den geplanten Aufstieg zum Lager drei genutzt werden. Eine Hilfsaktion wie diese taucht in den Statistiken selten auf, dort zählen allzuoft nur die tatsächlichen Gipfelerfolge. Unser Expeditionsarzt Tilo Marschke brach seinen Versuch zwei Tage später wegen mangelnder Kraft ab.

Expeditionsablauf

Fünf Wochen im Himalaya
Eine Expedition dieser Größe kann nur funktionieren, wenn im Vorfeld alles genau überlegt und vorbereitet ist. Wir hatten genau überlegt und waren gut vorbereitet als wir uns am 16. April mit 12 Teilnehmern und 1,3 Tonnen Material, verpackt in 45 Plastiktonnen auf dem Münchner Flughafen verabschiedeten. Ein zweiköpfiges Team war schon eine Woche zuvor losgeflogen, um notwendige Dinge in Kathmandu vorzubereiten und abzusichern.
Ebenso war der Expedition ein intensives Trainingsprogramm vorausgegangen. Neben dem individuellen Fitneßtraining können wir ein wirkliches Novum bei der Vorbereitung vermelden, daß auch für andere Bergsteiger von Interesse sein dürfte. Erstmalig für den deutschen Sprachraum absolvierten wir die Vorakklimatisierung nicht wie üblich in einem Bergtrainingscamp, sondern stiegen in eine erst vor kurzem in Berlin eröffnete Sauerstoffkammer der Firma TOSMA. Deren Funktionsprinzip ist einfach und doch sehr wirkungsvoll: in einem drucklosen Raum wird über Molekularfilter der Sauerstoffanteil reduziert und dadurch größere Höhen simuliert. Das Trainingscenter wird vor allem von Athleten der Ausdauersportarten benutzt und dabei ein Sauerstoffanteil verwendet, der ca. 2000 Metern Seehöhe entspricht. Speziell für uns wurde ein elftägiges Programm entwickelt und Höhen bis zu 5.000 Meter simuliert. Erstmalig wurde die Kammer auch für Übernachtungen genutzt. Der diagnostizierte Leistungsanstieg nach dem Camp war beträchtlich, ein Nachweis der erzielten Vorakklimatisierung brachte ein zweitägiger Testaufenthalt im schweizerischen Monte Rosa Gebiet. Als Fazit dieser Maßnahme ist festzustellen, daß es eine hervorragende Alternative zur Vorbereitung vor allem für berufstätige Bergsteiger darstellt.
Unsere Ankunft in Nepal war wie im Bilderbuch: warme Frühlingsluft, ein babylonisches Stimmgewirr vor dem Flughafen und jeder bekam eine Blumengirlande um den hals gelegt. Die Visabeschaffung und die Vorbereitungen für die Abfahrt Richtung Tibet liefen wie am Schnürchen. Auch die legendäre F Mrs. Hawley meldete sich am Tag unserer Ankunft prompt für einen Besuch an. Einen Tag später bog ihr VW Käfer auf den Hof unserer Lodge - die Queen des Himalaya bat zur Audienz. „Wieviel Personen sind sie, wie alt, welche Route wollen sie nehmen?“ Fragen über Fragen. Routine eben. „Gab es bei der Vorbereitung Besonderheiten?“ - Ja, wir haben in einer Sauerstoffkammer trainiert! „Ah, in einer Druckkammer!“ - Nein, Mrs Hawley, eine drucklose...“ Das war auch für die Queen ziemlich neu.
Dann packte Mrs. Hawley mit ihren Neuigkeiten aus. In diesem Jahr seien 16 Expeditionen am Cho Oyu (von einer erfolgreichen schweizerischen mit acht Leuten am Gipfel und Erfrierungen an den Fingern hatten wir schon im Flieger gehört), drei davon allerdings als one-man-shows. Nur im Everest-Basislager für die Südsattelroute wären mit 17 Expeditionen noch mehr. Insgesamt wollten es 88 Expeditionen in diesem Frühjahr an den 8000ern Nepals versuchen (ohne Shisha Pangma und denen des Karakorum).
Ohne Schwierigkeiten erreichten wir von Kathmandu (1300 m) über die Zwischenstation Zhangmu (2100 m) den letzten Ort vor dem Berg, Tingri (4100 m) und am nächsten Tag das Fahrerbasecamp (4800 m). Wegen unserer Vorakklimatisierung hatten wir uns für diesen relativ schnellen Weg entschieden. Drei Tage später stand in 5700 m Höhe das Basislager am Gyabrag-Gletscher, den Blick auf den Berg und dessen gewaltigen Gletscher. Die Nordwestroute ist von hier zu etwa 2/3 einsehbar.
Die nepalesische Grenze ist nur einen Steinwurf entfernt. Der etwa gleichhoch wie das Camp liegende Paß, über den man in zwei Tagen den Ort Namche Bazar (bekannt als Ausgangspunkt für den Marsch zum Everest-Basislager für die Südsattelroute) ist nur eine gute Stunde zu Fuß entfernt. Über diesen Paß war für den Fall einer Notsituation der Abtransport bis zu einem Hubschrauberlandeplatz auf nepalesischem Gebiet geplant. Den Notfall hatten wir schon am zweiten Tag im Basislager, als Jan Möller - ein Teilnehmer mit exzellenten Werten bei der Leistungsdiagnostik - ganz offensichtliche Symthome eines Ödems zeigte. Dank der professionellen Routine unseres Expeditionsarztes Tilo Marschke und des mitgeführten Certec-Bags hatten wir die Situation rasch unter Kontrolle. Wegen des schlechten Wetters und der nach den verabreichten Medikamenten stabilen Situation entschieden wir uns für einen Abstieg per Yak Richtung Fahrerbasislager. Für Jan war die Expedition damit beendet, er flog bereits eine Woche später von Kathmandu aus nach Hause.
F Vom ersten Tag an im Lager sendeten wir per Satelliten-Telefon tägliche Zeitungs- und Internetberichte in die Heimat. Das Interesse am Fortgang der Aktion war noch viel größer als zuvor optimistisch erwartet. Ein fehlender Tagesbericht, der aufgrund von Übertragungsproblemen nicht gesendet und gedruckt wurde, verursachte ein Heißklingeln unserer Telefonhotline in Magdeburg, genauestens nahm man in der Stadt auch feinste Nuancen in den Tagesberichten wahr.
Im Laufe der Tage stand die Lagerkette, allerdings machte uns das unbeständige Wetter immer wieder zu schaffen. Ein am Bergfuß eingerichtetes großes Materiallager für das wir - erstmalig in der Geschichte des Cho Oyu - Yaks zum Antransport nutzten, hatte schon nach wenigen Tagen den Ruf als The German Camp weg. Mehrere Bergführer und Sherpas anderer Expeditionen äußerten zum Wetter, daß sie ein so schlechtes Wetter bisher nicht erlebt hätten. Hinzu kam relativ wenig Schnee im Gipfelbereich. In der Praxis bedeutete das, über brüchiges Gestein steigen zu müssen, statt mit Steigeisen über eine geschlossene Schneedecke.
Als Relation zu den Wetterunbilden sei der nur 15 Kilometer entfernte Mount Everest genannt. In diese Saison hatte bis zu unserer Abreise am 20. Mai noch nicht ein einziger Bergsteiger den höchsten Berg der Erde bezwungen. Dabei waren 31 Expeditionen mit erfahrenen Leuten und aufwendiger Ausrüstung auf allen Seiten des Berges unterwegs. Als das Wetter dann Ende Mai umschwenkte und stabiler wurde, purzelten die Gipfelerfolge im Dutzend - an einem Tag schafften es über 30 Bergsteiger.

Alle Teilnehmer unserer Expedition waren sich vor und während der Expedition einig, für einen Gipfel keine überhöhten gesundheitlichen Risiken einzugehen. Im Zweifelsfall hieß es also, immer umzukehren. Wohl deshalb gab bei den verbliebenen 13 Teilnehmern keine schweren Verletzungen und keinerlei Erfrierungen (den Großteil unserer Expeditionsapotheke spendeten wir später einem Krankenhaus in Kathmandu). Ein Ausdruck für dieses Denken ist, daß dem Gipfelerfolg drei ernstzunehmende Versuche von Gruppen vorausgingen, die vor allem aus Sicherheitsgründen (Nichteinhaltung des Zeitplans, kalte Füße, nichtausreichende Kraft) bei erreichten Höhen zwischen 7500 und 7800 Metern abgebrochen wurden.
F Wir sind ehrlich: keiner von uns hatte nach den erfolglosen Versuchen der vorangegangenen Wochen und der schwindenden Motivation noch mit einem Erfolg gerechnet. Als unsere zweiköpfige Gruppe am Vormittag des 18. Mai Stück für Stück den Weg zum Gipfel nahm, verfolgten alle anderen am Fernglas sitzend die Aktion. Und aus irgendeiner Ecke tauchte nach dem Jubel auch noch eine Flasche Sekt auf.
Wenige Tage später in Kathmandu waren die Anstrengungen schon fast vergessen. Wir blickten in Gedanken zurück auf ein erfolgreiches Unternehmen, ein großes Abenteuer, das ohne die Unterstützung durch unsere Familien, Freunde, und nicht zuletzt durch das in uns gesetzte Vertrauen und Interesse der Sponsoren nicht möglich gewesen wäre. Dafür gilt ihnen an dieser Stelle unser Dank!


Holger Kloß (Expeditionsleiter)
im Namen aller Teilnehmer

 

 
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