Die
Bilanz unserer Expedition
Die Quote erfolgreicher Expeditionen am Cho Oyu
immer wieder als einer der leichteren
Achttausender bezeichnet ist mit etwa
50 % niedriger, als gemeinhin angenommen wird. Das
muß gute Gründe haben.
Unserer Ansicht nach resultiert die immer wieder
gehörte Einstufung des Berges und die große
Anzahl von Expeditionen vorrangig aus der relativ
einfachen Erreichbarkeit des Basislagers für
die Normalroute auf der tibetischen Nordseite. Vom
letzten mit einem Fahrzeug erreichbaren Ort (Fahrerbasislager)
sind es nur etwa zwölf Kilometer Strecke und
knapp eintausend Höhenmeter. Der Berg selbst
ist schwieriger, vor allem ist er kein Gehberg,
wie es immermal wieder bezeichnet wird. Alle unsere
Bergsteiger, die bis mindestens zum Lager 2 (ca.
7.000 Meter) kamen und sämtlichst über
jahrelange Bergsteiger- und Freiklettererfahrung
verfügen, beurteilten den Aufstieg und die
Herausforderung an den beiden Eisstufen als äußerst
anstrengend und technisch anspruchsvoll.
Unter Bergsteigern gilt eine Expedition als erfolgreich,
wenn bereits ein einziger Bergsteiger den Gipfel
erreicht. Also wir waren erfolgreich. Am
18. Mai gegen 13.30 Uhr erreichten Uwe Lindenau
und Eberhard Mach nach achtstündigem Aufstieg
vom Lager 3 die Gipfelpyramide. Zwei Stunden später
waren sie wieder zurück in Camp 3.
Bemerkenswert an diesem Aufstieg ist, daß
mit Ebi Mach ein 18-Jähriger die
Expeditionsfahne zum Gipfel trug und damit der jüngste
Deutsche ist, der bisher auf einem Achttausender
stand.
Dem letzten Gipfelversuch unserer Expedition war
eine dramatische Bergrettungsaktion vorausgegangen,
die unseren Expeditionsarzt Tilo Marschke mit hoher
Sicherheit um seinen Gipfelerfolg gebracht hat.
Ein Mitglied der kommerziellen deutschen Amical-Expedition
hatte (nach Angaben der Expedition entgegen der
Weisungen ihres Expeditionsleiters) einen Absprung
mit einem Gleitschirm vom Plateau des Lagers 2 aus
7.000 Metern versucht und stürzte kurz nach
dem Start in eine Spalte des Gletscherbruchs. Zu
diesem Zeitpunkt befanden sich alle anderen Teilnehmer
der Amical-Expedition bereits wieder im Basislager.
Die Hilfsbereitschaft der noch verbliebenen Expeditionen
war über alle Maßen groß: drei
Mitglieder unserer Gipfelgruppe, darunter unser
Expeditionsarzt, übernahmen zusammen mit drei
weiteren Bergsteigern einer anderen Expedition eine
internationale Rettungsaktion für den aus eigener
Kraft nicht mehr bewegungsfähigen Flieger,
die Koreaner stellten per Funk ihren im Lager 2
vorhandenen Notsauerstoff zur Verfügung. Die
Stelle im Gletscherbruch wurde erreicht und der
Mann konnte geborgen werden. Für die Behandlung
seine Verletzungen im Gesicht und zur Stabilisierung
des Kreislaufs war die Anwesenheit eines Arztes
ein großer Glücksfall. Dem Bergsteiger
sind dadurch zumindestens schwere Erfrierungen erspart
geblieben.
Allein, die Aktion in einer Höhe von 7.000
Metern hatte viel Kraft gekostet und einer der wenigen
Gutwettertage konnte nicht für den geplanten
Aufstieg zum Lager drei genutzt werden. Eine Hilfsaktion
wie diese taucht in den Statistiken selten auf,
dort zählen allzuoft nur die tatsächlichen
Gipfelerfolge. Unser Expeditionsarzt Tilo Marschke
brach seinen Versuch zwei Tage später wegen
mangelnder Kraft ab.
Expeditionsablauf
Fünf Wochen im Himalaya
Eine Expedition dieser Größe kann nur
funktionieren, wenn im Vorfeld alles genau überlegt
und vorbereitet ist. Wir hatten genau überlegt
und waren gut vorbereitet als wir uns am 16. April
mit 12 Teilnehmern und 1,3 Tonnen Material, verpackt
in 45 Plastiktonnen auf dem Münchner Flughafen
verabschiedeten. Ein zweiköpfiges Team war
schon eine Woche zuvor losgeflogen, um notwendige
Dinge in Kathmandu vorzubereiten und abzusichern.
Ebenso war der Expedition ein intensives Trainingsprogramm
vorausgegangen. Neben dem individuellen Fitneßtraining
können wir ein wirkliches Novum bei der Vorbereitung
vermelden, daß auch für andere Bergsteiger
von Interesse sein dürfte. Erstmalig für
den deutschen Sprachraum absolvierten wir die Vorakklimatisierung
nicht wie üblich in einem Bergtrainingscamp,
sondern stiegen in eine erst vor kurzem in Berlin
eröffnete Sauerstoffkammer der Firma TOSMA.
Deren Funktionsprinzip ist einfach und doch sehr
wirkungsvoll: in einem drucklosen Raum wird über
Molekularfilter der Sauerstoffanteil reduziert und
dadurch größere Höhen simuliert.
Das Trainingscenter wird vor allem von Athleten
der Ausdauersportarten benutzt und dabei ein Sauerstoffanteil
verwendet, der ca. 2000 Metern Seehöhe entspricht.
Speziell für uns wurde ein elftägiges
Programm entwickelt und Höhen bis zu 5.000
Meter simuliert. Erstmalig wurde die Kammer auch
für Übernachtungen genutzt. Der diagnostizierte
Leistungsanstieg nach dem Camp war beträchtlich,
ein Nachweis der erzielten Vorakklimatisierung brachte
ein zweitägiger Testaufenthalt im schweizerischen
Monte Rosa Gebiet. Als Fazit dieser Maßnahme
ist festzustellen, daß es eine hervorragende
Alternative zur Vorbereitung vor allem für
berufstätige Bergsteiger darstellt.
Unsere Ankunft in Nepal war wie im Bilderbuch: warme
Frühlingsluft, ein babylonisches Stimmgewirr
vor dem Flughafen und jeder bekam eine Blumengirlande
um den hals gelegt. Die Visabeschaffung und die
Vorbereitungen für die Abfahrt Richtung Tibet
liefen wie am Schnürchen. Auch die legendäre
F Mrs. Hawley meldete sich am Tag unserer Ankunft
prompt für einen Besuch an. Einen Tag später
bog ihr VW Käfer auf den Hof unserer Lodge
- die Queen des Himalaya bat zur Audienz. Wieviel
Personen sind sie, wie alt, welche Route wollen
sie nehmen? Fragen über Fragen. Routine
eben. Gab es bei der Vorbereitung Besonderheiten?
- Ja, wir haben in einer Sauerstoffkammer trainiert!
Ah, in einer Druckkammer! - Nein, Mrs
Hawley, eine drucklose... Das war auch für
die Queen ziemlich neu.
Dann packte Mrs. Hawley mit ihren Neuigkeiten aus.
In diesem Jahr seien 16 Expeditionen am Cho Oyu
(von einer erfolgreichen schweizerischen mit acht
Leuten am Gipfel und Erfrierungen an den Fingern
hatten wir schon im Flieger gehört), drei davon
allerdings als one-man-shows. Nur im Everest-Basislager
für die Südsattelroute wären mit
17 Expeditionen noch mehr. Insgesamt wollten es
88 Expeditionen in diesem Frühjahr an den 8000ern
Nepals versuchen (ohne Shisha Pangma und denen des
Karakorum).
Ohne Schwierigkeiten erreichten wir von Kathmandu
(1300 m) über die Zwischenstation Zhangmu (2100
m) den letzten Ort vor dem Berg, Tingri (4100 m)
und am nächsten Tag das Fahrerbasecamp (4800
m). Wegen unserer Vorakklimatisierung hatten wir
uns für diesen relativ schnellen Weg entschieden.
Drei Tage später stand in 5700 m Höhe
das Basislager am Gyabrag-Gletscher, den Blick auf
den Berg und dessen gewaltigen Gletscher. Die Nordwestroute
ist von hier zu etwa 2/3 einsehbar.
Die nepalesische Grenze ist nur einen Steinwurf
entfernt. Der etwa gleichhoch wie das Camp liegende
Paß, über den man in zwei Tagen den Ort
Namche Bazar (bekannt als Ausgangspunkt für
den Marsch zum Everest-Basislager für die Südsattelroute)
ist nur eine gute Stunde zu Fuß entfernt.
Über diesen Paß war für den Fall
einer Notsituation der Abtransport bis zu einem
Hubschrauberlandeplatz auf nepalesischem Gebiet
geplant. Den Notfall hatten wir schon am zweiten
Tag im Basislager, als Jan Möller - ein Teilnehmer
mit exzellenten Werten bei der Leistungsdiagnostik
- ganz offensichtliche Symthome eines Ödems
zeigte. Dank der professionellen Routine unseres
Expeditionsarztes Tilo Marschke und des mitgeführten
Certec-Bags hatten wir die Situation rasch unter
Kontrolle. Wegen des schlechten Wetters und der
nach den verabreichten Medikamenten stabilen Situation
entschieden wir uns für einen Abstieg per Yak
Richtung Fahrerbasislager. Für Jan war die
Expedition damit beendet, er flog bereits eine Woche
später von Kathmandu aus nach Hause.
F Vom ersten Tag an im Lager sendeten wir per Satelliten-Telefon
tägliche Zeitungs- und Internetberichte in
die Heimat. Das Interesse am Fortgang der Aktion
war noch viel größer als zuvor optimistisch
erwartet. Ein fehlender Tagesbericht, der aufgrund
von Übertragungsproblemen nicht gesendet und
gedruckt wurde, verursachte ein Heißklingeln
unserer Telefonhotline in Magdeburg, genauestens
nahm man in der Stadt auch feinste Nuancen in den
Tagesberichten wahr.
Im Laufe der Tage stand die Lagerkette, allerdings
machte uns das unbeständige Wetter immer wieder
zu schaffen. Ein am Bergfuß eingerichtetes
großes Materiallager für das wir - erstmalig
in der Geschichte des Cho Oyu - Yaks zum Antransport
nutzten, hatte schon nach wenigen Tagen den Ruf
als The German Camp weg. Mehrere Bergführer
und Sherpas anderer Expeditionen äußerten
zum Wetter, daß sie ein so schlechtes Wetter
bisher nicht erlebt hätten. Hinzu kam relativ
wenig Schnee im Gipfelbereich. In der Praxis bedeutete
das, über brüchiges Gestein steigen zu
müssen, statt mit Steigeisen über eine
geschlossene Schneedecke.
Als Relation zu den Wetterunbilden sei der nur 15
Kilometer entfernte Mount Everest genannt. In diese
Saison hatte bis zu unserer Abreise am 20. Mai noch
nicht ein einziger Bergsteiger den höchsten
Berg der Erde bezwungen. Dabei waren 31 Expeditionen
mit erfahrenen Leuten und aufwendiger Ausrüstung
auf allen Seiten des Berges unterwegs. Als das Wetter
dann Ende Mai umschwenkte und stabiler wurde, purzelten
die Gipfelerfolge im Dutzend - an einem Tag schafften
es über 30 Bergsteiger.
Alle Teilnehmer unserer Expedition waren sich vor
und während der Expedition einig, für
einen Gipfel keine überhöhten gesundheitlichen
Risiken einzugehen. Im Zweifelsfall hieß es
also, immer umzukehren. Wohl deshalb gab bei den
verbliebenen 13 Teilnehmern keine schweren Verletzungen
und keinerlei Erfrierungen (den Großteil unserer
Expeditionsapotheke spendeten wir später einem
Krankenhaus in Kathmandu). Ein Ausdruck für
dieses Denken ist, daß dem Gipfelerfolg drei
ernstzunehmende Versuche von Gruppen vorausgingen,
die vor allem aus Sicherheitsgründen (Nichteinhaltung
des Zeitplans, kalte Füße, nichtausreichende
Kraft) bei erreichten Höhen zwischen 7500 und
7800 Metern abgebrochen wurden.
F Wir sind ehrlich: keiner von uns hatte nach den
erfolglosen Versuchen der vorangegangenen Wochen
und der schwindenden Motivation noch mit einem Erfolg
gerechnet. Als unsere zweiköpfige Gruppe am
Vormittag des 18. Mai Stück für Stück
den Weg zum Gipfel nahm, verfolgten alle anderen
am Fernglas sitzend die Aktion. Und aus irgendeiner
Ecke tauchte nach dem Jubel auch noch eine Flasche
Sekt auf.
Wenige Tage später in Kathmandu waren die Anstrengungen
schon fast vergessen. Wir blickten in Gedanken zurück
auf ein erfolgreiches Unternehmen, ein großes
Abenteuer, das ohne die Unterstützung durch
unsere Familien, Freunde, und nicht zuletzt durch
das in uns gesetzte Vertrauen und Interesse der
Sponsoren nicht möglich gewesen wäre.
Dafür gilt ihnen an dieser Stelle unser Dank!
Holger Kloß (Expeditionsleiter)
im Namen aller Teilnehmer